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Germanic Collections

Einführung in die Buchkunstsammlung von Lisa Whitmore

Die deutschen Sammlungen der Stanford University Libraries (SUL) sind seit 1990 mit der Aufgabe bemüht, eine wichtige Sammlung von Original- und Dokumentationssmaterialien zu verschiedenen Themen zeitgenössischer Kultur-, Literatur- und Sozialgeschichte aufzubauen. Das Zusammentragen der Sammlungen ist nicht nur durch neue Forschungsinteressen nach der Wende angeregt worden, sondern auch durch neue Möglichkeiten die Materialien zu erwerben. Dies ermöglichte uns, eine Sammlung von primären Werken, die den Schwerpunkt auf Kultur und Kulturpolitik in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik legt, zusammenzutragen. Die Werke dieser Sammlung stehen in der Leihbibliothek, sowie auch im Department of Special Collections und im Humanities and Area Studies Resource Center der Stanford University Libraries zu Forschungszwecken zu Verfügung. Für weitere Informationen siehe "Germanic Collections Homepage" oder die "East German culture page". Link to English version

Die Periode nach der Biermannausbürgerung wird nicht gerade als politisches Tauwetter betrachtet. Viele Personen wurden wegen Protestaktionen festgenommen. Darüberhinaus hat der Staat die Auswanderung von Künstlern und Intellektuellen erleichtert und manchmal erzwungen. Bert Papenfuß reagierte auf die resultierende Auswanderungswelle in Wortspiel Nummer 31m seines Gedichtzyklus 'TrakTat zum Aber':

 31m)
IHR SOLLT JETZT AUSREISEN
(Nachtrag zu "du sollst nicht ausreisen".
Achtung, hier wird mit "Elend" ein
elend' fortspül getrübt!)

ein neues elend ist
wie ein neues leben

Viele Künstlerkreise wurden durch die Auswanderungswelle auseinandergerissen, weil Kontakt zwischen den Auswanderern und den Hinterbliebenen verhindert wurde. Da die meisten Dichter und Künstler damit rechneten, eines Tages auszuwandern, einstand für sie eine ausgeprägte Atmosphäre der Vergänglichkeit.

Trotzdem entdeckt man eine kulturelle Reiche in dieser Zeit. Uwe Kolbe beschreibt die Höhe der Salonkultur in Die Situation. Antonya Visser zeigt, daß es noch Möglichkeiten für junge Dichter gab, ihre Texte zu veröffentlichen, obwohl das ein paar Jahre später fast unmöglich wurde (Blumen ins Eis). Eine wichtige Anthologie, die Ende der siebziger Jahre erschien, war Uwe Kolbes Erstlingswerk, Hineingeboren. Noch dazu bekam die Kirche 1978 mehr Freiraum, was die Bürgerbewegung allmählich ermöglichte. Zu der Zeit entstand auch die Buchkunst-Szene. Das Modell von politischem Tauwetter paßt nicht, aber diese Periode zeigt, daß Kreativität manchmal auch während einer Krise gedeiht. Thomas Günther theoretisiert, daß die Kunstbestrebungen durch den Protest "polarisiert" wurden (Collagen. Berlin: Galerie auf Zeit, 1993). Das heißt, daß manche Künstler zusammengebracht wurden, auch während sie sich von anderen entfernten.

Die Buchkunstszene bestand aus drei verschiedenen Arten von Veröffentlichungsversuchen, feinbearbeiteten Künstlerbüchern, improvisierten "Typoskript-auf-Durchschlag Zeitschriften" und redaktionell bearbeiteten Computerdruck-Journalen. Die Künstlerbücher erschienen zuerst. 1978 bauten Eberhard Göschel, Peter Herrmann, A.R. Penck und Bernhard Theilmann ihre eigene Druckmaschine, genannt Obergraben Press, auf. Ihre Künstlerbuchproduktion wurde einige Jahre lang vom Staat toleriert, bevor die Künstler sie einstellen mußten (Cf. Paul Kaiser and Claudia Petzold, Boheme und Diktatur in der DDR: Gruppen, Konflikte, Quartiere 1970-1989). Helgard Sauer schreibt das neue Interesse an Buchproduktion den Buchkunststudien an der Dresdener Hochschule für bildende Künste zu (Non Kon Form). Buchkunst brachte Künstler und Dichter zusammen, aber es ist wahrscheinlich, daß die Bilder in diesen Büchern leichter als die Texte zu rezipieren waren.

Die ersten "Typoskript-auf-Durchschlag-" oder "autonome Zeitschriften" wurden ein paar Jahre nach den ersten Künstlerbüchern hergestellt. 1982 verteilte ein Kartographie-Student kleine Heftchen, die als Entwerter/Oder: Blätter für Licht Nummer 1 bezeichnet wurden. Der damalige Student war Uwe Warnke, der eine weite Voraussicht zeigte. Indem er sein Heft mit eins numerierte, verpflichtete er sich zu einem zweiten Heft. Bald darauf stellte er tatsächlich ein zweites Heft her. Mit der Zeit wurden die Hefte so erfolgreich, daß Entwerter/Oder circa zwanzig Jahre später immer noch regelmäßig erscheint. Die Herstellung der ersten solcher Hefte war aufwendig. Die Beteiligten tippten ihre Texte mehrmals mit einer Schreibmaschine auf Durchschlag ab. Manchmal enthielten die Hefte auch Photos, Offsetabdrucke und andere Überraschungen. Entwerter/Oder Nummer 1 entstand hauptsächlich aus ironischen, spielerischen Texten, wie die Folgenden:

 "Sag mal, bist du auch in der Partei?" Warum reagierte der Fragende eigenartig als ich entgegnete: "In welcher?"

Ich sehe, du lebst im selben Land wie ich. In deinem Bücherregal stehen die gleichen Bücher und es fehlen wahrscheinlich die gleichen.

TEE

Tee
eTe
eeT

je nachdem. wie lange er zieht!

KLO
Toi
Toi
Toi
lette
(auch für Ernst Jandl)

Die Herstellungsweise wurde typisch für eine ganze Reihe von Zeitschriften.

Laut eines MfS-Berichtes trafen sich die Begründer von mehreren Zeitschriften 1985, um sie besser zu koordinieren und um ihre Qualität zu erhöhen. Im Bericht steht, "[i]m Interesse der literarischen Qualität sollen zukünftig 'schlechte Texte' durch die Herausgeber abgelehnt werden, mit dem Ziel, daß die beteiligten Autoren anerkannt und für offizielle Publikationen in der DDR zugelassen werden" (MfS HAXX/AKG 1428 S. 8.). Im Vergleich zu den früheren Projekten, bei denen fast alle Angebote angenommen wurden, wurden die redaktionellen Strukturen nach 1985 verstärkt. Die später entstandenen Journale legten den Schwerpunkt eher auf Analyse und Literaturtheorie als auf freien Ausdruck. Zum Beispiel enthält Braegen-Zeitschrift für Graphomanie und Pandemie Nummer 1 (die übrigens nicht durch eine Nummer 2 erweitert wurde) eine Umfrage, in der die Empfänger schwarzen Humor definieren.

Bei allen drei Veröffentlichungsversuchen haben sich Künstler und Dichter gegen ein geschlossenes Literatur- und Kunstbetrieb durchgesetzt. Da die Künstlerbücher, Zeitschriften und Journale ohne Staatserlaubnis hergestellt wurden, wird ihnen oft eine politische Funktion zugeschrieben. Wenn sie aber politisch betrachtet werden, wird ihr ästhetisches Niveau oft in Frage gestellt, weil sie schließlich einseitig gesehen und abgekapselt werden. Die Dichotomie zwischen Politischem und Ästhetischem wurde in der Endzeit der DDR akzeptiert, weil Propaganda einerseits und Protest anderseits als Gemeinplätze erlebt wurden. Die Künstler verteidigten ihren Ruf, indem sie eine politische Funktion verneinten, statt daß sie die Dichotomie zwischen Politischem und Ästhetischem abgelehnt haben. Zu DDR-Zeiten diente die Dichotomie auch zum Schutz künstlerischer Freiräume. Die Werke stellen jedoch die Ausschließlichkeit von Ästhetischem und Politischem in Frage.

Im Katalog ?Sprachlos, spruchlos %, sprich los! schreibt Warnke von der "vagen Unterstützung des Subversiven," die es seiner Meinung nach seit der Wende nicht mehr gibt. Vielleicht hat es nur ein paar Jahre gedauert, bevor die Künstler ihre neue Gesellschaft kennengelernt haben, denn die subtilen, ironischen Perspektiven auf die neue Gesellschaft scheinen genau so inspiriert zu sein, wie die Früheren. Kann es sein, daß z.B. das Buch Das Fall: Eine konzeptionelle Arbeit von Uwe Warnke und Uta Schneider auf die Wiedervereinigung anspielt? "Die Kraft der gegenseitigen Anziehung zweier Massen ist direkt proportional dem Produkt beider Massen und umgekehrt proportional dem Quadrat ihrer Entfernung."

Die Bücher und Zeitschriften, die seit der Wende hergestellt wurden, bringen Aspekte der früheren drei Veröffentlichungstypen, Kunstbuches, improvisierter Zeitschrift und theoretischen Journals, zusammen. Jetzt sind die meisten Hefte feinbearbeitet. Sie umfassen zum Beispiel Serigraphien und professionelles Buchbinderhandwerk. Viele Hefte erscheinen auch immer noch als "Zeitschriften" und werden dadurch bekannt. Von den theoretischen Themen der späten achtziger Jahre besteht noch ein verbreitetes Interesse an Fragen zu Sprache, dem Symbolischen und der Signierung. Das zeigt sich z.B. bei den Experimenten der "visuellen Poesie," in der Wort als Bild und Bild als Wort gilt. Dr. Peter Böthig, Leiter der Kurt Tucholsky Gedenkstätte, schreibt Folgendes über die Verwischung dieser Kategorien: "Es gibt wohl kaum eine andere Kunstrichtung, deren Grenzen so offen sind wie die der Visuellen Poesie. Sie agiert zur Dichtung, Figurativem, Graffiti, Piktogram, konkreter Poesie, Fluxus, Concept art, Layout, Kunst im öffentlichen Raum-die Reihe ließe sich fortsetzen-: selbst die Akteure des Genres zögern, sich festzulegen. […] Das Bemerkenswerte an dieser Kunst für mich ist die permanente Frage-Haltung" (Visuelle poesie: Ein Schloss, ein Park, ein See und Kunst).

Seit dem Klimawechsel 1989 und der Einführung der Pressefreiheit finden sich Dichter und Künstler in der Marktwirtschaft zurecht, manche als Künstler und Schriftsteller, manche als Drucker, Herausgeber und Galeristen. Sie haben erfolgreiche Verlage und Galerien gegründet, durch die die Grenzen zwischen Geschäft, Politik und Kunst entgultig verwischt werden.

 

 

Last modified: June 27, 2005

     
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